Liturgie der Aussenseiter
„Du hast uns heute Nacht in dieses Café „Le Clair de Lune” geführt…
So beginnt eines der schönsten Gedichte der französischen Mystikerin und Poetin Madeleine Delbrêl. Es trägt die Überschrift „Liturgie der Außenseiter“ – oder, wie es im französischen Original heißt: „Liturgie des sans-offices“.
Dort, in dieser Bar am Stadtrand von Paris, findet für Madeleine Delbrêl ein Gottesdienst statt. Er findet statt, weil es Menschen gibt, die sich gerade hier an diesem Ort dem Wirken Gottes zur Verfügung stellen.
„Weil deine Augen in den unsren erwachen,
weil dein Herz sich öffnet in unserm Herzen“,
ist dieses Café „nun kein profaner Ort mehr…“
Hier berühren sich für Madeleine Delbrêl Himmel und Erde, hier ist heiliger Boden.
Und das in einer Bar, in der sich die unterschiedlichsten Menschen eingefunden haben: die Musiker, „die Musik machen für Leute, die ihnen gleichgültig sind“; der „traurige Mann, der uns seine sogenannten fröhlichen Geschichten erzählt“, der Betrunkene, „der gerade die Treppe hinuntertaumelt“ und „jene müde dasitzenden Leute, die verlassen hinter ihrem Tisch kauern und nur hier sind, um nicht anderswo zu sein“: sie alle sind hineingenommen in diese ungewöhnliche abendliche Liturgie, ob es ihnen bewusst ist oder nicht.
„Und unser Herz wird immer weiter
und immer schwerer
von der Last vielfacher Begegnung,
immer schwerer von der Last deiner Liebe;
unser Herz, gebildet von dir,
bevölkert von unseren Schwestern und Brüdern, den Menschen.
Denn die Welt ist kein Hindernis,
um für sie zu beten.
Wenn einige die Welt verlassen müssen,
um sie zu finden,
so müssen andere in die Welt hineintauchen,
um sich emporzuschwingen
mit ihr zum gleichen Himmel“.
Mir scheint, dass diese „Liturgie der Außenseiter“ wie für unsere Zeit – wie vor allem für diese bewegenden und herausfordernden Wochen – geschrieben wurde…
Annette Schleinzer, Theologische Referentin des Bischofs von Magdeburg, Exerzitienbegleiterin