Eva (5)

Das Böse und der Tod (Gen 2 und 3)

Warum eigentlich durften die Menschen von dem einen Baum nicht essen? In Gen 2 wurde dem Menschen ein Verbot gegeben und gesagt: „Sobald du davon isst, musst du sterben!“ Die Schlange aber sagte zur Frau: „Nein, ihr werdet gewiss nicht sterben ...“ Die Frau wollte „klug“ werden; dies ist sicher ein positives Motiv. Die Schlange hatte ja sogar recht, die Menschen sterben nicht, d. h. sie fallen nach der Tat nicht tot um, sondern sie werden später aus dem Garten vertrieben.
Was ist also mit dem Bösen und dem daraus folgenden Tod gemeint? Der Verfasser unserer Erzählungen lebte ja am Ende der israelitischen Königszeit Israels, dort galt die Regel: Wer auf JHWHs Stimme hört, hat das Leben, wer nicht auf seine Stimme hört, den Tod. Der Tod ist also nicht physisch gemeint, sondern er bedeutet ein Herausfallen aus einer Beziehung, der Gemeinschaft mit Gott. „Auf die Stimme Gottes hören“ ist eine immer wiederkehrende Predigt des Buches Deuteronomium, des letzten Buches der fünf Bücher Mose. Diese „Stimme Gottes“ kommt auch mehrmals in der Paradiesgeschichte vor. Aber die Menschen haben auf eine andere „Stimme“ gehört, die der Schlange, die ihnen eine andere Version raffiniert schmackhaft gemacht hat. So war es auch immer in der Geschichte Israels: Man hörte auf andere Stimmen, auch auf andere Götter, und fiel dann aus der Harmonie mit Gott heraus.
Eigentlich wollte die Frau durch ihre Tat grössere Klugheit, Weisheit gewinnen, aber die Menschen erfahren jetzt nur ihre Nacktheit. Darum verstecken sie sich, nicht voreinander, sondern vor Gott, als sie im Garten „seine Stimme“ hören. Sie schämen sich wie kleine Kinder, die sich verstecken, wenn sie etwas Dummes angestellt haben. Aber nicht nur die Gemeinsamkeit mit Gott ist von jetzt an gestört, sondern auch ihre eigene, was daran deutlich wird, dass der Mann nun die Frau anklagt („sie hat ...“).
Das Böse wird nicht erklärt, das tut die ganze Bibel nicht, es wird nur beschrieben. So, wie es immer ist, und wie es auch am Anfang war.

(Helen Schüngel-Straumann)