Eva (4)
Frau und Mann und das Verbot
Während Gen 2 ein Idealbild zeigt, wie Gott die Zweiheit der Geschlechter beabsichtigt hat, zeigt nun Gen 3 auf, wie die Wirklichkeit aussieht. Beide Kapitel sind nicht in einer historischen Reihenfolge zu verstehen, sondern es sind Symbolgeschichten, die nebeneinander stehen. Man darf also nicht nach „vorher“ und „nachher“ fragen, etwa: Was wäre passiert, wenn sie nicht gegessen hätten? Solche Fragen, die früher im Vordergrund standen, sind heute überholt, wenn man das Ziel der Erzählung kennt und die Texte nicht als historische Aussagen liest.
Der Verfasser will Menschheitserfahrung aufzeigen: So, wie der Mensch ist und schon immer war, zeigt er sich hier; er übertritt das Gebot Gottes, und die Harmonie der Menschen zerbricht, indem der Mann die Frau beschuldigt, sie habe ihm die Frucht gereicht. Zumeist wird aus der Anfangsszene, dem Gespräch der Schlange mit der Frau, die grössere Schuld der Frau abgeleitet. Dabei steht doch bei der Tat in einem einzigen Vers, dass der Mann „neben ihr“ stand als sie „die Frucht nahm, ass und dem Mann neben ihr gab, und auch er ass.“ Der Mann sagt in der ganzen Szene kein Wort, sondern isst nur. Die Frau ist hier allein die Aktive. Dies liegt an der altorientalischen Bildtradition, dass zu dem Baum mit Schlange eine Frau gehört. Solche Bildmuster sind zahlreich im Alten Orient verbreitet.
Ein Begriff für „Sünde“ kommt im ganzen Kapitel nicht vor. Der Begriff „Sündenfall“ für dieses Kapitel ist erst von Augustinus geprägt worden.
Der Verfasser unserer Ursprungsgeschichten ist stark an Beziehungen interessiert, in Kap. 2 und 3 hat er die wichtigste Beziehung, die der Geschlechter, im Blick, während dann in Kap. 4 (Kain und Abel) das Verhältnis zwischen Brüdern thematisiert wird, weiter das von Ackerbauern und Hirten, von Stadt- und Landbewohnern usw.
(Helen Schüngel-Straumann)
