Prophetische Gabe (4)
Aber der Herr erwiderte mir: Sag nicht: Ich bin noch so jung. Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten - Spruch des Herrn. Dann streckte der Herr seine Hand aus, berührte meinen Mund und sagte zu mir: Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund. Sieh her! Am heutigen Tag setze ich dich über Völker und Reiche; du sollst ausreissen und niederreissen, vernichten und einreissen, aufbauen und einpflanzen. (Jeremia 1,7-10)
Meine Erfahrung nach 25 Jahren Seelsorge und Bildungsarbeit: Ich kann nur das weitersagen, was durch mich hindurch gegangen ist. Worte, die mich selbst getröstet, ermutigt, auf den Weg gebracht haben, gehören von nun an zum prophetischen Rucksack, aus dem ich schöpfen kann. Der Umgang mit den biblischen Worten ist für mich zu einer Schatzkiste geworden. Dazu gehören auch und gerade die rauen, widerspenstigen Worte. Worte wie die, die Adonai zu Jeremia spricht. Es sind Worte, die mit „Glassplittern gespickt“ sind, wie Hilde Domin sagt, „eckige Worte“. Ich kämpfe mit ihnen – immer wieder, oft lange Zeit! Solche Worte kann ich nur weitersagen, wenn ich gleichzeitig den Schmerz und das Erschauern empfinde. „Ausreissen und niederreissen, vernichten und einreissen“ sind furchtbare Tätigkeiten. Es tut entsetzlich weh! Ich erinnere mich, wie Mauern, Schutzwälle und dicke Häute, die ich mir zugelegt hatte, runtergerissen wurden, einstürzten, fielen. Ich erinnere mich an den Schmerz, aber auch an die Befreiung, an den weiteren Raum, den ich gewonnen habe. Und ich bin froh, dass solche eckigen, mit Glassplittern gespickte Worte in der Bibel stehen und auf diese Weise Kleine und Hilflose schützen, Unrecht beim Namen nennen, Würde und Gerechtigkeit wiederherstellen. Ich verstehe, dass es um einen totalen Wandel geht. So ist das in Gottes Welt!
(Claudia Mennen)
