Nachfolge (6)

Ort der Gottesbegegnung

 

«Kommt her, ihr Gesegneten, und erbt das Reich Gottes. Denn ich war hungrig, und ihr habt mit mir geteilt. Ich war fremd, und ihr habt in eurer Wohnung ein zusätzliches Bett aufgestellt. Ich hatte Krebs, und ihr habt mit mir ausgehalten. Ich lag in der Bahnhofsunterführung, und ihr habt euch zu mir runtergebeugt und nach mir geschaut. Ich war dement, und ihr hattet eine Engelsgeduld mit mir. Ich war in Hindelbank, und ihr habt an mich geglaubt. Was ihr dem geringsten meiner Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan.»

Gott schaut mich nicht aus den 18-Karat-Strahlen der Monstranz heraus an, sondern aus den weinenden Augen der Geschlagenen. Und es gibt keine Kirche, auch nicht den schönsten Dom, in dem mir Gott so nah kommen kann wie im leidenden Menschen.
Es sind nicht irgendwelche Thesen, die die Kirche und ihre Theologie erschüttern, es sind die Armen. Jene, die als Vertriebene über die Erde ziehen, als Behinderte ihre Glieder nicht unter Kontrolle bringen, die kaum wissen, wie über die Runden kommen, die Heiligabend zum 13. Mal in Folge in einer Zelle verbringen, bereits als Elfjährige den ganzen Tag in der Fabrik arbeiten oder sich nachts prostituieren, damit es zum Leben reicht.

«Der Weg zum Glauben führt über die Wunden. Sie sind Ort der Gottesbegegnung. Hier können wir, wenn wir nicht fliehen, Gott erlernen», sagt Franz Kamphaus. Und Ignacio Ellacuría fragt: «Was haben wir getan, um die Armen ans Kreuz zu bringen? Was tun wir, um sie vom Kreuz abzunehmen?» Und auch Gott wird einmal fragen. Nicht, ob ich jeden Sonntag die Messe, sondern ob ich meine bedürftigen Schwestern und bedrängten Brüder besucht habe.

Jacqueline Keune