Nachfolge (4)

Radikal und konkret

 

Wenn ich an Nachfolge denke, dann denke ich nicht an Höflichkeit oder das Blumenbeet, das ich der Nachbarin giesse, während sie in Ferien ist – das hat nichts mit Jesus zu tun. Wenn ich an Nachfolge denke, dann denke ich an vermeidbare Krankheiten, an abgeholzte Regenwälder, an ausbeuterische Arbeit, an heimat-, an land-, an obdachlos Gemachte, an Kinder, die am Durchfall sterben oder nicht wissen, was Schule ist. An Ignacio Ellacuría und Edith Stein denke ich, und vor allem an Mut.
Ein Schiff, das im Hafen liegt, ist sicher, aber dafür sind Schiffe nicht gebaut, sagt ein Wort. Ein Christ, der die Tür aufhält, ist nett, aber dazu sind Christenmenschen nicht gerufen.

«Geh, verkaufe, was du hast, und gib das Geld den Armen!»
«Lass die Toten ihre Toten begraben!»
«Keiner, der die Hand an den Pflug legt und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.»

Ich könnte nun sagen, dass das nur Bilder sind, dass Jesus das nicht so gemeint hat, dass er unmöglich wollen kann, dass wir alles stehen und liegen, unsere Familien im Stich lassen, uns um unsere Verpflichtungen scheren, arm werden und unser hart erworbenes Ansehen aufs Spiel setzen, ohne nicht wenigstens mal durchzurechnen, was uns solche Nachfolge kosten würde. Dass wir alle die Sicherheit für etwas Brüchiges drangeben, das noch nicht viel mehr ist als ein Lichtstreif an einem Himmel. – Das könnte ich sagen, glauben aber tue ich das Gegenteil. Und dass ich mir nichts Radikaleres als Nachfolge denken kann.

Liebe ist konkret oder sie ist nicht.
Nachfolge ist konkret oder sie ist nicht.
Konkret mit all dem Versuchen, all dem Gelingen, all dem Scheitern und neu Versuchen, wirksame Zeichen einer neuen Wirklichkeit zu setzen.

Jacqueline Keune