Nachfolge (2)
Alltäglicher Widerstand
Es geht in diesem Leben nicht allein um den ganz grossen Widerstand, den nur die wenigsten von uns zu leisten vermögen, weil sein Preis hoch ist. Es geht auch um den kleinen alltäglichen Widerstand gegen das Vergessen, gegen die Kälte, gegen die Zerstörung, gegen das Unrecht.
Es gibt nicht wenige Orte solchen Widerstehens: Schulstuben, Hörsäle und Küchentische. Vorstandssitzungen, Zeitungsspalten und Montagehallen. Kantinen, Altäre oder auch Friedhöfe. Und es gibt nicht wenige Menschen solchen Widerstehens.
Es gibt heilige Kindergartenkinder, die in ihrer ganzen Grösse hinstehen und bekennen. Es gibt heilige Grossmütter, die die Dinge beim Namen nennen. «Sprich, damit ich dich sehe!», hat Johann Georg Hamann, ein Kollege von Kant, gemeint.
Es gibt heilige Buschauffeure, die keine Angst um sich selber und auch keine Angst vor der Angst haben. Es gibt heilige Ärztinnen, die am liebsten dort Ernst machen mit der Sache Jesu, wo rein gar nichts zu holen ist – weder Geld noch Geltung . Es gibt heilige Gefängniswärter, die den Willen Gottes retten, heilige Dichter, die den zynischen Parolen ins Wort fallen, heilige Ökonominnen, heilige Minenarbeiter und heilige Altenpflegerinnen, deren Trauer und Zorn an der Trauer und dem Zorn Gottes Mass nehmen. Menschen, denen Eigensinn wichtiger ist denn Erfolg, Tapferkeit wichtiger denn Gewandtheit, Träume wichtiger denn Pläne. Und die nicht sich selber, sondern die Gerechtigkeit verwirklichen wollen.
Und es gibt vielleicht mehr Wissen, als wir glauben, das nicht allein Bildung und Bewunderung, sondern Kraft und Konsequenz meint. Das nicht bloss eloquent die Misere beschreibt, sondern dem Asyl Suchenden eine Telefonnummer auf einen Zeitungsrand hinschreibt. Und das nicht bloss fragt, wo Gott gewesen ist, sondern auch, wo wir gewesen sind.
Jacqueline Keune
