Nachfolge (1)
Berührbar bleiben
Oli – einer der Schüler, deren Religionslehrerin ich mal war –, Oli und ich, wir haben uns vom ersten Augenblick an nicht gemocht. Als ich zum ersten Mal vor der 4. Klasse stand und eben die Kinder begrüssen wollte, hat er sich bereits gemeldet und mir ebenso süffisant wie selbstbewusst von seiner Mutter ausrichten lassen, dass es egal sei, welche Note er in Religion heimbringe. Von da an hat er so ziemlich gemacht, was er wollte. Und ich, ich habe irgendwie versucht, den einen oder anderen Zweikampf für mich zu entscheiden.
Dann bin ich mit den Kindern auf den Friedhof, habe ihnen eine Aufgabe gegeben und sie losgeschickt, nicht ohne einen Moment zu überlegen, ob ich Oli zu einem Duo mit mir verdonnern soll, das dann aber doch als zu ungerecht empfunden. Nach etwa zehn Minuten habe ich ihn gesehen, wie er mit einer bepflanzten Riesenschale vor der kleinen Brust quer über ein Gräberfeld geschwankt ist. Ich bin zu ihm hin und habe ihn gefragt, was er da mache. «Frau Keune», hat er gemeint, «dahinten hat ein Toter das ganze Grab voll Blumen, und da vorne einer ein ganz verlottertes, das niemand besucht, und keine einzige Blume. Jetzt bringe ich ihm die hier.»
Auch wenn es selbstverständlich scheint – es ist es nicht: sich durch alles hindurch ein fühlendes Herz bewahren, berührbar bleiben, die Unterschiede sehen, die Ungleichheit wahrnehmen, die Ungerechtigkeit empfinden.
Jacqueline Keune
