Glauben auf den Punkt gebracht (5)

 

„So müssen wir uns im Alltagsleben angesichts aller Geschöpfe und Dinge stets um grössere, innere Freiheit bemühen, insofern ich frei entscheiden kann und nicht durch Verpflichtung gebunden bin oder es mir verboten ist. Wir begehren von unserer Seite Gesundheit nicht mehr als Krankheit, Reichtum nicht mehr als Armut, Ehre nicht mehr als Ehrlosigkeit, langes Leben nicht mehr als kurzes, und dem entsprechend in allen übrigen Dingen.“

Kommentar: Innere Freiheit, die Ignatius „Indifferenz“ nennt, ist die geistliche Haltung eines Christen. Aus ihr heraus gestaltet er die Beziehung zu den Dingen. Und vom Reich Gottes her erhalten alle Situationen und Dinge erst ihren Wert. Ein Auto, eine Wohnung oder Kleider erhalten ihren Wert nicht durch den Markt und die Begierde der Menschen, sondern allein davon, ob sie zum Ziel hinführen, zu dem der Mensch geschaffen ist, oder eben nicht. Krankheit ist nicht in sich schlecht. Gesundheit und langes Leben ist nicht ein Wert in sich. Ignatius ist radikal. Der Wert entsteht erst dadurch, dass Gesundheit uns befähigt, für das Reich Gottes zu leben. Das aber kann auch ein Kranker. Armut, Gebet oder Arbeit ist wiederum in sich nicht einfach etwas Gutes, sondern nur insofern, als es mehr öffnet für das Evangelium. Hier ist eine Relativitätstheorie für die Spiritualität formuliert, die so revolutionär ist, wie die Relativitätstheorie für die Physik von Albert Einstein.

(P. Christian Rutishauser SJ)