Zwiesprache mit Gott – Psalmen (5)
Gestern schrieb ich Ihnen über Gott, der zwar das Leid nicht verhindert, der aber Zeuge des Leides ist und so „garantiert“, dass es nicht einfach geleugnet werden kann: „All unsere Tränen sind bei dir verwahrt.“
Heute möchte ich Sie einladen, einmal unter diesem Blickwinkel die sogenannten Fluchpsalmen zu bedenken, die uns oft so abstossend blutrünstig erscheinen. Sie klingen nicht wie etwas, das Gottes würdig ist, schon gar nicht wie etwas, das zivilisierte Menschen auch nur denken. Von Vernichtung der Feinde ist da die Rede, vom Blut der Erschlagenen, in dem die Füsse baden sollen... Nein, zivilisiert und „nächstenliebend“ klingt das nicht.
Es ist leicht, so zu denken, wenn man satt und sicher ist. Doch Gott ist ein Gott der Armen, der Witwen und Waisen – was in unsere Zeit übersetzt heißt: der Ausgebeuteten, der Schutzlosen, der Herumgestossenen. Und auch (gerade!) für sie sind die Psalmen Sprachrohr, Sprachschule, Schule des Gebetes. Nicht nur in einer wunderschönen Kirche, umgeben von friedlichen (friedlich schlummernden?) Menschen, in Erwartung eines Sonntagsbratens – nein, auch in Folterzentren, in den Händen von Vergewaltigern, verschüttet in einem Erdbebengebiet ist Gott anrufbar. Seine Heilige Schrift schenkt uns Texte, um aus der traumatischen Sprachlosigkeit herauszufinden.
Das gilt im Übrigen nicht nur für eklatantes Unrecht. Auch wir, die wir nicht existenziell bedroht sind, finden uns in den „unschönen“ Versen wieder. Ein Mann, der Opfer von Mobbing wird, kann Verse wie „Ihre Zungen sind wie scharfe Schwerter, hinter ihren Lippen Gift wie von Nattern“ als Ausdruck seiner beruflichen Situation ins Gebet bringen. Und Ulrike Bail hat in ihrer Auslegung des Psalm 6 gezeigt, wie sehr dieser die Situation von ausgebeuteten Frauen wiederspiegelt.
Wichtig ist, ich habe es am Montag schon angedeutet: die Psalmen lehren uns, Zorn und Hass, Rachedurst und Aggression vor Gott zu bringen – und ihn um Hilfe, um Eingreifen, um Rache zu bitten. „Dein scharfes Schwert vernichte sie“ – nicht: „Gib mir ein scharfes Schwert, damit ich um mich schlagen kann“. Gott soll richten.
Und dass Gott der Richter ist – ist das nicht im Letzten die einzig tragende Hoffnung auf wahre Gerechtigkeit? Wenn Hoffnung und Gerechtigkeit sich auf diese Welt beschränken, dann ist Hoffnung nur etwas für die Siegertypen und Gerechtigkeit Illusion.
(Sr. Lioba Zahn OSB)
